Bündnis für Notfallbetreuung

Psychosoziale Erstversorgung nach Unfällen: Einsatzkräfte bauen Zusammenarbeit aus

Die psychosoziale Erstversorgung von Unfallbeteiligten, deren Angehörigen und auch von Einsatzkräften gewinnt zunehmend an Bedeutung. das Polizeikommissariat in Ronnenberg, die Ortsfeuerwehr und die Johanniterunfallhilfe wollen deshalb ihre Zusammenarbeit ausbauen.

von Ingo Rodriguez

Calenberger Land.

Nach schweren Verkehrsunfällen oder anderen Unglücken sind sie schnell zur Stelle – und leisten oft noch am Einsatzort Erste Hilfe für die Seele: Die Mitglieder der Gruppe Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) der Johanniterunfallhilfe. Diese Akuthilfe und Krisenintervention der ehrenamtlichen Notfallfachkräfte soll im Calenberger Land bei Rettungseinsätzen künftig einen noch höheren Stellenwert bekommen. Polizei, Johanniter und Feuerwehr wollen sich stärker vernetzen. „Die Qualität der Einsätze hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert“, sagt der Polizist und Feuerwehrmann aus Ronnenberg, Bernd Kmiec-Schulz. Die Anforderungen an die Helfer seien enorm gestiegen. „Und bei Unfallbeteiligten, Angehörigen und sogar Beobachtern ist die psychische Belastungsgrenze auch schneller erreicht“, hat Kmiec- Schulz beobachtet. Die Betroffenen seien oft traumatisiert. Der Umweltexperte des Polizeikommissariats Ronnenberg und Gefahrgutzugführer der Stadtfeuerwehr Ronnenberg ist deshalb mit gutem Beispiel vorangegangen und hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren von den Johannitern zum psychosozialen Notfallhelfer ausbilden lassen. Das soll künftig kein Einzelfall bleiben. Die Rettungsorganisationen und Einsatzkräfte wollen ihre Kräfte bündeln und auch voneinander lernen. „Es soll eine soziale Sicherheitspartnerschaft aufgebaut werden“, sagt Kmiec-Schulz. In die Truppmannausbildung der Stadtfeuerwehr seien Grundzüge der psychosozialen Akuthilfe bereits integriert. Umgekehrt bietet die Feuerwehr für die Johanniter Kurse an, bei denen die Arbeit der Feuerwehrleute realitätsnah demonstriert wird. Die Polizei will den Johannitern künftig Deeskalationstraining anbieten. Die unterschiedlichen Einsatzkräfte wollen künftig stärker voneinander profitieren, um die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern. „Es geht auch darum, ein besseres Verständnis für die verschiedenen Aufgabengebiete zu entwickeln“, sagt Ralph Meyer, Leiter der PSNV-Gruppe des Johanniter- Ortsverbandes Hannover-Wasserturm. Er hat deshalb am Sonnabend mit sechs Notfallfachkräften an einem Training der Ortsfeuerwehr teilgenommen.

Sieben Notfallbetreuer der Johanniterunfallhilfe haben am Sonnabend an einem Rettungstraining der Ortsfeuerwehr Ronnenberg teilgenommen. Die Mitglieder der Gruppe Psychosoziale Notfallversorgung (Psnv) zeigten sich beeindruckt von der kräftezehrenden Arbeit der Feuerwehr bei schweren Verkehrsunfällen.

Verständnis für die Arbeit und Aufgabenbereiche der anderen Einsatzkräfte wecken – und mit diesem Hintergrundwissen die Zusammenarbeit verbessern: Genau das war das Ziel des Trainings der PSNV-Ersthelfer und der Feuerwehr. „Wir sollen zwar so schnell wie möglich am Einsatzort Unfallbeteiligte betreuen und psychosoziale Krisenintervention leisten, aber wir haben doch gar keine Erfahrung, wie schwer es oft ist, ein möglicherweise nur leicht verletztes Opfer aus einem Auto zu befreien“, beschrieb Ralph Meyer von der PSNV-Gruppe den Hintergrund der Aktion. Er war mit sechs weiteren Notfallfachkräften des Johanniter- Ortsverbandes Hannover- Wasserturm nach Ronnenberg gekommen, um sich einen Eindruck von den hohen technischen Anforderungen bei einem Feuerwehreinsatz zu verschaffen. „Es ist schon erstaunlich, wie schwer so ein Spreizer ist, mit dem eingeklemmte Unfallopfer aus einem verbeulten Auto befreit werden“, sagte Meyer nach dem Selbstversuch beeindruckt. Er zeigte Verständnis dafür, dass es bei Verkehrsunfällen eine Weile dauern kann, bis die Seelsorger mit ihrer Arbeit beginnen können. Die Johanniter hatten bei dem Training aber nicht nur die anstrengende Arbeit der Feuerwehr kennengelernt – auch die hohe psychische Belastung der Arbeit direkt am eingeklemmten Opfer war für die ehrenamtlichen Unfallbetreuer nach dem dreistündigen Kursus besser nachvollziehbar geworden. „Patientengerechte Rettung“ – so lautet der Titel des Trainings, das Ronnenbergs stellvertretender Ortsbrandmeister Peter Schlote drei- bis viermal im Jahr für die Johanniter anbietet. „Es geht doch um Menschen, und wir wollen uns bei der Betreuung hohe Qualitätsstandards setzen“, sagte der PSNVLeiter Meyer kurz vor dem Ende der Aktion. Die Johannitergruppe hatte morgens im theoretischen Teil im Gerätehaus zunächst die Geräte und Methoden der Feuerwehr kennengelernt. Im zweiten Teil übten die Johanniter auf dem Schrottplatz der Firma Raubinger, Scheiben einzuschlagen und Blechtüren aufzuschneiden. Meyer will das Training jetzt auch anderen Johanniter-Ortsverbänden mit Notfallfachkräften empfehlen. „Für uns war es eine Premiere, aber es hat sich gelohnt“, sagte Meyer.

Anstrengende arbeit mit schwerem Gerät: Max Peter (von links) von den Johannitern wird bei seinem Probeeinsatz an einem Autowrack von Ronnenbergs stellvertretendem Ortsbrandmeister Peter Schlote sowie von den psychosozialen Notfallhelfern Nina Meyer, Antje Heilmann, Aurika Negru und Julia Krull beobachtet.

Quelle:
Calenberger Zeitung vom 29.10.2012